Ein erfülltes Leben mit einer körperlichen Behinderung?!

 

Die Geschichte eines Mannes, der in jungen Jahren durch eine arbeitsbedingte Erkrankung schlagartig zum Rollstuhlfahrer wurde. Wie wird man mit einem derartigen Schicksalsschlag fertig, wie geht das Leben als Querschnittgelähmter weiter? 

Ich habe Josef Nägele kennengelernt, als er für den Mannschaftsbus für die Basketballer von Hannover United spenden wollte. Wir stellten sofort fest, dass wir beide nicht in Norddeutschland sondern im Süden der Republik geboren und aufgewachsen sind – das verbindet, “ Zwei Migranten” treffen sich im Ausland!

Josef ist 59 Jahre alt, sitzt im Rollstuhl und macht auf mich einen properen, lebenslustigen Eindruck. Er erzählt mir, dass er früher Rolli Basketballer auf dem “Sprung” in die Bundesliga war, aber jetzt zum passionierten Handbiker geworden ist – dazu später.

Josef sitzt seit 25 Jahren im Rollstuhl und ist seit 23 in Rente, das war mit 36 Jahren! Vorsichtig taste ich mich heran: “Wie kam es dazu?”

Wir “Nichtbehinderte oder Wenigbehinderte” haben oft Angst vor dieser Frage, ob die Behinderung seit Geburt, durch Unfall oder durch Krankheit eingetreten ist. Warum eigentlich?

Josef ist gelernter Maurer, ein handfester Kerl, so wirkt er auch heute.  Bis zu seinen Bandscheibenbeschwerden arbeitete er in einer uns gut bekannten Molkerei. Nach seinen Aussagen mussten schwere Paletten mit Joghurt verschoben werden. Vermutlich rührt seine Wirbelverschiebung von der schweren Arbeit. Nach etlichen Arztbesuchen und Klinikaufenthalten entschied man sich für eine Operation in einer renommierten Klinik. Direkt nach der OP waren  seine Beine taub und bewegungslos, die Spezialisten befanden “abwarten und Tee trinken”. Nach sechswöchiger Bettruhe war es dann klar. Josef wird nie mehr gehen können, er ist unterhalb des Brustwirbels querschnittgelähmt.

Die Chirurgen trösteten ihn “Wir haben eine gute und eine schlechte Nachricht…..” Das war etwa so, als ob man einem Tier im Schlachthof sagen würde: “Du mußt ab heute nicht mehr im Dreck stehen, ab morgen liegst du in einer sauberen Kühltheke im Supermarkt.”

Um es auf den Punkt zu bringen, erzählt mir Josef: “Es war die schlimmste Zeit meines Lebens. Zeitgleich “verabschiedete” sich auch meine damalige Freundin von mir. Mit dem Rollstuhltraining ging es dann wieder bergauf. Mit dem Erlernen einer neuen Beweglichkeit  machte das Leben für mich langsam wieder Sinn.”

Zwischendurch frage ich: “Bedauerst Du Dich und Deine Situation?”Eine laute klare Antwort: “Nee, überhaupt nicht! Nur sehe ich ab und zu bedauernde Blicke meiner Mitbürger wenn ich durch die Stadt rollere, aber die sind zum Glück hinter mir”.

Jetzt komme ich zu dem Thema, das mich am meisten interessiert:

“Ab wann ging es dann bei Dir wieder aufwärts?”

“Das ist einfach  erklärt”, sagt Josef,  “von dem Moment an, als ich mit dem Sport anfing!” 1994 habe ich mit Rollstuhlbasketball angefangen, das gefiel mir gut und ich glaube, ich war auch gut geeignet für diesen Sport. Nach relativ kurzer Zeit war ich auf dem Sprung zur Bundesliga.  Leider hat Rolli-Basketball meinem Rücken nicht gut getan, ich musste den Sport wieder aufgeben und machte dann mit Rolli-Tanz weiter. Auch das wäre mein Sport geworden, wenn mein Rücken die Belastung ausgehalten hätte.”

Manchmal spielt auch der Zufall eine Rolle! Auf einer Reha-Messe traf  Josef erstmalig “Handbiker”. Ein Handbike ist ein Rennrollstuhl – das  musste sein! Ein Bike mit Sitz- oder Liegewanne und langen Vorbau. Der Preis für diese Sportgeräte beginnt bei ca. 10.000 Euro, die Anschaffungskosten sind nach oben offen und werden von keiner Kasse unterstützt. Josef fand entsprechende Sponsoren und war erfolgreich.  “Hast du besondere Erinnerungen an diese Zeit?” Ich erkannte ein Strahlen in seinen Augen.

Der Boston- und der  in Sydney-Marathon waren Highlights. Eine besondere Herausforderung stellte das Rennen im italienischen Bibione dar. “Ich fuhr gegen den 41 maligen Formel 1 Fahrer Alessandro Zanardi. Zanardi war nach seinem schweren Rennunfall auf dem Lausitzring noch zweimal Sieger bei den Paralympics im Handbike.” Josef ist besonders Stolz auf diese Platzierung, aber auch ein wenig enttäuscht über den undankbaren 4. Platz hinter dem Paralympic Sieger Zanardi.

Mittlerweile fährt Josef ein sogenanntes Adaptivbike. An den alltagstauglichen Sportrollstuhl wird ein von Hand angetriebenes (ähnlich Fahrrad) mit Elektromotor unterstütztes Zugteil angedockt. Diese “Antriebshilfe” ist alltagstauglich und ist gleichzeitig Sportgerät.  

Die Audi BKK in Seelze, zu der Josef vor einigen Jahren wechselte,  übernahm die Kosten für das adaptive Rollstuhl-Zuggerät. Beide sind froh über diese gute Entscheidung, der eine freut sich über sein kostspieliges “Hilfsmittel” bzw. Sportgerät und der andere über ein Mitglied, das sich mit Sport fit hält.

Als flotter Rollifahrer absolviert er im  Jahr ca. 10.000 Trainingskilometer und plant pro Saison sechs Rennen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit im Rennen beträgt 27 km/h verrät uns Josef, für einen fast 60jährigen eine reife Leistung!

Seit 23 Jahren ist er Rentner. Nach einer Umschulung zum Bürokaufmann, diversen Fortbildungen und reichlich Bewerbungen, gelang es ihm nicht, einen Job zu bekommen. Überwiegend, so berichtet er, wollten die Firmen keine Umschüler (Rollifahrer???) einstellen. Eine Personalerin meinte sogar, er solle es doch in einem “Behindertenheim” versuchen. Könnte es sich bei dieser Begebenheit um einen Fall von Vorurteil handeln? 

Seine Heimat hat Josef Nägele im Raum Hannover gefunden, er hat den Umzug von Bayern ganz pragmatisch geplant: “Ich bin hier in der Region, weil die Infrastruktur für Rollifahrer gut ist, das beginnt mit den Öffies in der Region und den meist ebenerdigen Eingängen zu Geschäften und Ämtern.

“Bei der Velo City Night Hannover und Skate by Night Hannover bin ich Führungsfahrer mit meinem Handbike.”

Mit einem Augenzwinkern gesteht er: “In Norddeutschland ist es so schön flach, das kommt mir im Rollisport sehr entgegen, das Gekraxel in den bayrischen Bergen hat mich so geschlaucht – nur am ewigen Gegenwind müsste man hier im Norden noch arbeiten.”

Der Single wohnt in einer 56 m² Wohnung in Langenhagen, eine Pflegeperson hilft regelmäßig. Den restlichen “Laden” schmeißt er selbständig. Kochen ist nicht so sein Ding, zum Essen geht er gerne ins CCL, das Angebot ist riesig und man trifft immer Leute und man hat Unterhaltung.

Ganz nebenbei verrät mir Josef in aller Bescheidenheit, dass er auch noch Weltmeister ist. 2013 haben 25 Sportler von den Hannover United Rollstuhl Basketballern drei vollgetankte US-Trucks mit insgesamt 50 Tonnen Gewicht über eine Strecke von 100 Metern gezogen. Dieser Guiness World Record brachte Ihm einen Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde. 

Zum Ende unseres Gesprächs lud mich Josef zu einer Trainingsfahrt mit meinem Fahrrad ein. “Ich vermute, da muss ich noch ein wenig üben, um mit dir mitzuhalten.”

 

Alles Gute lieber Josef und dass Du, Deinem Wunsch entsprechend, die nächsten 10 bis 20 Jahre weiter Deinen geliebten Sport betreiben kannst.

Fotos privat, mit freundlicher Genehmigung von Josef Nägele